gehoertundgesehen

21. Oktober 2012

Von der Maschine geschrieben | Le Monde diplomatique, dt. Ausg. 14.9.12

Filed under: WERreGIERT,WissTech — faulaber @ 11:37

Von der Maschine geschrieben – von Evgeny Morozov

Können sich Technologien verselbstständigen und anfangen, ein Eigenleben zu führen, unabhängig von jeglicher menschlichen Kontrolle? Diese erschreckende Vorstellung, die den französischen Theologen Jacques Ellul ebenso umtrieb wie den Unabomber Theodore Kaczynski, gilt unter den meisten Technikhistorikern und -soziologen als naiv und unpräzise.

Dennoch: Die Finanzwelt hängt in wachsendem Maße von computerisierten Handelssystemen ab, bei denen raffinierte Algorithmen Preisunregelmäßigkeiten aufspüren und ausnutzen, die dem gewöhnlichen Parketthandel verborgen bleiben.

Die Zeitschrift Forbes, eine der ehrwürdigsten Institutionen des Finanzjournalismus, arbeitet inzwischen mit einer Firma namens Narrative Science zusammen, die Artikel über die zu erwartenden Quartalsergebnisse der Konzerne automatisch generiert und online stellt. Man muss ein cleveres Programm nur mit ein paar Statistiken füttern, und schon zaubert es in Sekundenschnelle leicht lesbare Berichte. Oder wie Forbes selbst schreibt: „Mit einer urheberrechtlich geschützten Künstliche-Intelligenz-Plattform ist Narrative Science in der Lage, Daten in Berichte und Erkenntnisse umzuwandeln.“

Die Sache entbehrt nicht der Ironie: Automatisierte Plattformen "verfassen" jetzt Berichte über Firmen, die ihr Geld durch automatisierten Handel verdienen.

Die Sache entbehrt nicht der Ironie: Automatisierte Plattformen „verfassen“ jetzt Berichte über Firmen, die ihr Geld durch automatisierten Handel verdienen. Diese Berichte fließen wieder ins Finanzsystem ein und helfen den Algorithmen, noch lukrativere Geschäfte zu aufzuspüren. Es handelt sich also im Wesentlichen um Journalismus von Robotern für Roboter. Die Menschen behalten nur noch das Geld für sich.

Narrative Science ist nur eine von mehreren Firmen, die sich der Entwicklung von automatisierter journalistischer Software verschrieben hat. Solche Start-up-Unternehmen arbeiten vor allem in Nischenbereichen des Journalismus wie Sport, Finanzen oder Immobilien, wo Nachrichten meist demselben Grundmuster folgen und sich gewöhnlich um bestimmte Statistiken drehen. Doch seit Neuestem widmen sie sich auch noch politischer Berichterstattung.

Eine neue Dienstleistung von Narrative Science produziert Artikel über die Rezeption des US-Wahlkampfs in den sozialen Medien: Welche Themen und Kandidaten werden in bestimmten Bundesstaaten oder Regionen heftiger oder weniger häufig diskutiert und ähnliche Dinge. Sogar die beliebtesten und interessantesten Tweets können in den Artikel eingearbeitet werden. Keiner kann Twitter besser durchforsten als ein Roboter, und man sieht sofort, weshalb die – nach Angaben der Firma – dreißig festen Kunden von Narrative Science die Software für nützlich halten. …

via Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, 14.9.12 Von der Maschine geschrieben.

1 Kommentar »

  1. Der Däemon lauert (-; Schritt für Schritt nähner wir uns der Maschinen-gemachten – natürlich – durch „wertfreie“ menschliche Algorithmen gesteuerten – Meinungsgeschichtsschreibung – wobei Geschichte hier nicht so sehr im Sinn von Historie (das letztlich auch, ist hier aber nebensächlich, erst recht angesichts der von der rechentechnik diktierten Tempi), sondern im Sinn von ‚Erzählung‘ gemeint ist.

    Kommentar von faulaber — 21. Oktober 2012 @ 11:45 | Antworten


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