Hartmut Rosa im Barberini Potsdam

Am 22. April 2021 abends führt der Soziologe auf seine ganz eigene Art eine Stunde lang online durch das Museum Barberini in Potsdam und die aktuelle Rembrandt-Ausstellung.

Alltagsbewältigungs-Verzweiflungs-Modus nennt Rosa eingangs unser aller Normalzustand. Es gehe um das sich Verfügbarmachen der Welt: sehen, erreichen, verstehen, kontrollieren, nutzen … Das biete viele Möglichkeiten. Diese Weltreichweitenvergrößerung sei nicht nur materiell, sondern auch kulturell und sozial von hohem Wert und damit der „Inbegriff des Guten“.

Rosa sprach über Resonanz, das hatten die meisten wohl erwartet, waren vielleicht deshalb ‚gekommen‘, von Affizierung: meint: etwas bewegt mich, rührt mich. Das fühlt sich lebendig an, das ‚macht etwas mit mir‘. Resonanz ist dynamisch (nicht nur in der Physik also), hier aber nie allein, sondern zwischen zweien, zwischen mir und …

Dieses sich-lebendig-anfühlen, verbinden wir mit der Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit. Das macht es so stark, so begehrenswert. Begehrenswert ist das Exotische als Unvollkommenes, als Unverfügbares. Die Fremdheit, das Besondere macht es uns leichter, sich verzaubern zu lassen. (Ja, es ist schwerer, sich darauf einzulassen, wenn es um Menschen, Wesen oder Dinge im eigenen Alttag geht, aber es ist auch hier möglich.) Und wenn ich mich einlasse, ist es Anverwandlung. Die auch mich verwandelt, mich verändert. Nach der Resonanzerfahrung bin ich nicht mehr wie zuvor.

Wir machen einen Ausflug in die Welt der Rembrandtschen Bilder: seidene Stoffe, strahlendes Gold, das Fremde in all‘ seinen damals noch so verwunderlichen Formen, Farben. Später werden wir der Frage nachgehen, ob und wie Museen uns ermöglichen oder gar verführen, die Resonanzerfahrung wieder aus dem Museum herauszutragen. Resonanz als Selbstwirksamkeitserfahrung – ist das der Grund, weshalb wir hineingehen? (Falsche Frage. Warum sonst sollten wir es tun. Die Frage ist nicht ob hier der Grund liegt, sondern wie es funktioniert. Danke für die Erklärung, Herr Rosa.)

Es bleibt Aneignung, wenn ich genau das nicht tue. Wenn ich den seidig schimmernden Stoff zur Schau stelle, den fremden Hund als Trophäe bei mir führe, …
Rosa unterscheidet Berührung versus Rührung, Resonanz versus Echo. Während die Berührung das Verstehen voraussetzt, zumindest die Offenheit dafür, verstärkt das Echo nur das eigene Ich. Resonanzbeziehung ist eine Sorgebeziehung, um den Preis der Transformation des Eigenen, gar des Selbst.

Interessant hier der kurze Seitenblick auf Rituale, die in ihrer Formalität ungeeignet sind als Echo meiner selbst. In höchstem Maß formalisiert stehen sie für Unverfügbares und zwingen mich dadurch, mich auf dieses einzulassen, seine Würde anzuerkennen und ermöglichen so – dem Willigen – die Berührung, den Zugang zum Unverfügbaren.

Und dann: die Verfügbarmachung der Welt mißlingt, sie mißlingt doppelt:
Das verfügbar gemachte, „nostrifizierte“ ist nicht mehr resonant, es wird fremd, stumm, taub, leer, dann ist es tot, es kann nicht mehr geliebt sein. Dann, in der Enttäuschung suchen wir (narzistisch?) die Steigerung bis das verfügbar Gemachte als Monster zurückkehrt: die Kohle als CO2, das Atom als Bombe.

Was bewahrt uns vor der Aneignung? Resonanz lebt vom Fragen, von Fragen, die entdecken wollen, ohne zu entlarven. Wichtiger noch ist das Hören. Das erfordert Zeit. Momos graue Herren lassen grüßen.

Danke, Herr Rosa für einen unterhaltsam und entspannt anregenden Abend.

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